Empfindsamkeit bei geöffneter Tür

Als quirlige Unterprimaner hatten wir eine jener klassischen Studienfahrten nach Amsterdam unternommen. Im Rijksmuseum bestaunten wir nicht so sehr die ehrwürdig-düstere Nachtwache von Rembrandt, sondern begegneten anschließend im nahegelegenen Stedelijk-Museum aus nächster Nähe zufällig dem komplett in Weiß gewandeten Komponisten zeitgenössischer Musik: Karlheinz Stockhausen. Inmitten modernster Kunstwerke gab er den verdutzten Museumswärtern detaillierte Anweisungen für seine am Abend geplante Installation elektronischer Klänge.

Ganz andere, wiederum für mich neue Klänge begegneten mir am folgenden Tag beim Gang entlang der idyllischen Grachten, als mein Blick in die Schaufensterauslage eines kleinen Schallplattengeschäftes auf eine 45er Vinyl-Aufnahme fiel. Irgendetwas reizte mich an dem Cover, und ich betrat einen kuscheligen Laden im Souterrain. Der nette Inhaber verfrachtete mich zunächst in eine der damals üblichen Probehörkabinen – wollte schon die Tür schließen, ließ sie jedoch offen, da ich einziger Kunde war, um die Musik im gesamten Verkaufsraum besser erschallen zu lassen.

Die ersten Sonnenstrahlen durchfluteten den noch frühen Morgen, und es ergoss sich eine rauschhafte Klaviermusik über mich, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Es klang teilweise sehr zart, aber auch ungeheuer wild, leidenschaftlich, bewusst, tiefgreifend, erweckend, mitreißend! Es handelte sich um die Sonate Nr. 34 in e-moll von Josef Haydn mit den Sätzen Presto, Adagio, Vivace molto.

„Die Phantasie spielt mich, als wäre ich ein Klavier!“ Joseph Haydn konnte auch mit Worten spielen. Kein Wunder wenn Klassiker so zu persönlichen Wegmarken werden! (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Selbstverständlich hat mich diese Aufnahme – übrigens mit dem legendären Pianisten Wilhelm Backhaus – sehr lange begleitet. Nicht nur während der Zeit meiner eigenen, jahrelangen Klavierstunden. Geblieben ist die stets erneuerbare Erinnerung an diese Sonate, auch wenn sie von anderen Pianisten gespielt wird. Und nicht nur wenn der dritter Satz – das „Vivace molto“ – als willkommene Zugabe am Schluss gelegentlich bei öffentlichen Konzerten ertönt, sondern das Werk als Ganzes etwa im Rahmen auch der KAWAI-Konzerte der Krefelder Musikschule im familiären Helmut Mönkemeyer Saal von meist ganz jungen internationalen Künstlern einem begeisterten Publikum vorgetragen wird. Mit dieser Haydn-Sonate schließt sich für mich dann immer der Kreis einer lebenslangen Klassenfahrt! H.F.

Kawai Konzerte in der Musikschule Krefeld