Es ist nie zu spät Klavier zu lernen

Es war ein beeindruckendes Erlebnis. Eine grauhaarigere Dame, sie war damals 67 Jahre alt, setzte sich an ein ebenso altes, lange nicht mehr gestimmtes Klavier in einer Gaststätte. Sie spielte, nicht gerade virtuos, eher gegenteilig, anfängerhaft und mit einigen Fehlern, aber beseelt und mit einer Herzenslust, die jegliche Fehlgriffe auf den schwarzen und weißen Tasten unbedeutend erschienen ließen. Ihr Gesicht strahlte eine ansteckende Freude aus, welche alle Gäste im Raum überzeugte und in tosenden Beifall ausbrechen ließ, sobald der letzte Ton Ihres kurzen Intermezzos verklang. „Encore“ rief der ein oder andere sogar und erhoffte sich damit wohl eine Zugabe an Lebensfreude und purer Lust!

In einem späteren, kurzen Gespräch mit besagter Dame erfuhr Ich, dass sie erst seit 6 Monaten Klavierunterricht nahm und sich einen bisher unverwirklichten Kindheitstraum erfüllte. Dass sie nun, in Ihrem dritten Lebensabschnitt, an einem Klavier saß und die Bewegungen Ihrer Finger zu Musik wurden, erfüllte Sie mit großer Freude und Zufriedenheit. Denn nicht nur hat sie sich einen Teil Ihrer Kindheit zurückerobert, sondern auch viele andere Vorteile des Musizierens im hohen Alter kamen ganz automatisch dazu. So erzählte Sie, dass das Klavierspielen sie fit und gesund hält. Ihre Arthrose habe sich stark verbessert und auch geistig fühle sie sich jünger denn je.

Diese These wird heutzutage von Musikpädagogen und Forschern weltweit untermalt. Ein Instrument zu lernen  dient dem seelischen Ausgleich, der Selbstverwirklichung und steigert die Lebensqualität – auch und ganz besonders  im hohen Alter. Studien der Universität Zürich belegen, dass das Klavierlernen für Senioren das beste Gehirntraining überhaupt ist. Bekanntermaßen werden während des Klavierspielens eine ganze Reihe von Gehirngebieten in besonderer Art und Weise aktiviert. Dazu gehören die Gebiete, die für die Bewegung der Hände, sowie für das Hören von großer Bedeutung sind. Gedächtnisstrukturen, die das Gespielte wiedererkenn müssen und unsere Motorik darauf vorbereiten vorrausschauend zu spielen werden angeregt. So wird durch das Musizieren ein Feuerwerk im Gehirn ausgelöst, welches bereits schon nach wenigen Wochen positive Veränderungen im Stirnhirn erzeugt. Dieser Aktionismus unterbricht die sonst im Alter oft automatisierten Vorgänge des Gehirns, schütz sehr gut gegen Altersdemenz und rüstet für das Älterwerden auf. Es ist also von enormer Bedeutung offen für Neues zu sein, sich erstmaligen Herausforderungen zu stellen und so den Lebensabend aktiv zu genießen. Je anspruchsvoller die Aufgabe umso jünger wird das Gehirn gehalten und von bisher unbekannten Informationen auf Hochtouren gebracht. Denn Neues stimuliert genau die Hirnregionen, die im Alter am Stärksten vom Abbau bedroht sind.

So liegt es mir sehr am Herzen jeden Menschen in hohem Alter zu ermutigen sich an einen Klavierlehrer zu wenden und das Klavier spielen einfach mal auszuprobieren. Es geht sich nicht darum Virtuosität zu erreichen sondern vielmehr mit Gleichgesinnten zu musizieren, sich Sehnsüchte zu erfüllen und Erfolgserlebnisse zu schaffen. Natürlich gehört eine gute Portion Eigenmotivation und Disziplin zum Musizieren dazu, doch auch Beginner können schon in kürzester Zeit kleine Stücke am Klavier spielen. Den Anfang zu machen ist mit Sicherheit der schwierigste Schritt, aber wenn diese Hürde einmal genommen ist folgen alle anderen Schritte von ganz alleine. Ein guter Lehrer ist dabei allerdings von entscheidender Bedeutung, denn nur er kann positiv und im richtigen Maße anleiten und so  eine individuelle Entwicklung beeinflussen. P.P.